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Doktorhut oder Krawatte, Bibliothek oder Büro – diese Entscheidung, die Uni-Absolventen nach ihrem Abschluss zu treffen haben, ist in geringerem Maß eine endgültige als früher. Viele Wege führen aus der Unternehmenskarriere wieder zurück an die Universität. Die Möglichkeit, neben dem Beruf zu promovieren, sei eine Besonderheit des deutschen Promotionssystems, sagt Matthias Jaroch vom Deutschen Hochschulverband. Und der Wunsch danach nimmt offenbar auch zu.

Laut einer Studie des Statistischen Bundesamts promovieren in Deutschland 24 Prozent aller Doktoranden extern, feilen also in der Regel nach Feierabend oder am Wochenende an ihrer Forschung. Diese Zahl könnte sich demnächst erhöhen. Stimmt es, dass die sogenannte Generation Y der heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen besonders fordernd an ihre Arbeitgeber herantritt und sich mehr auf Sinnsuche als auf der Karriereleiter sieht, ist ein Wandel wahrscheinlich. Sie wollen nicht mehr Nachts und nebenher wissenschaftlich arbeiten, sondern eine Auszeit bekommen. Fragt sich nur, wie die Arbeitswelt mit dem Bildungshunger ihrer Mitarbeiter umgeht.

Aufgewachsen in einer Welt, in der nichts mehr unmöglich scheint, wird die Generation Y den Unternehmen Flexibilität abverlangen. Die Arbeitgeber bekämen das heute vor allem durch die gestiegene Nachfrage nach berufsbegleitenden Masterprogrammen zu spüren. „Immer mehr Unternehmen wollen künftig Masterstudiengänge anbieten und dazu mit den Hochschulen kooperieren, auch um motivierte Mitarbeiter im Betrieb zu halten“, sagt Irene Seling, die bei der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände für Hochschulpolitik zuständig ist. Dabei sei es oftmals einfacher, mit privaten Hochschulen zusammenzuarbeiten als mit den staatlichen Universitäten: „Die großen Tanker haben zu lange Entscheidungswege.“ Das Bestreben der Firmen hält sie für notwendig, da Bildung heute mehr auf dem Radar der Bewerber sei als früher.

Die neue Generation will sich nicht zwischen persönlicher Weiterbildung und dem Berufsleben entscheiden müssen, sondern am liebsten beides zugleich haben. In der Beraterbranche sind solche Modelle schon seit vielen Jahren gang und gäbe. So bietet das Siemens-eigene Beratungsbüro in München seinen Mitarbeitern verschiedene „Auszeit-Modelle“ an. Wer hier als Berater tätig ist, kann sich zwei Jahre von der Arbeit freistellen lassen um zu promovieren – zusätzlich zum Sabbatical, das mittlerweile zum Standardprogramm gehört. Auch bei Mc Kinsey, das ansonsten nicht im Ruf steht, Arbeitsbedingungen wie im Streichelzoo zu bieten, ist die Selbstverwirklichung in Form eines Auszeit-Programms institutionalisiert. „Etwa 90 Prozent unserer Fellows nehmen sich eine solche Auszeit, entweder um einen MBA zu machen oder um zu promovieren“, sagt Thomas Fritz, Leiter der Recruiting-Abteilung. Dabei sei es den Mitarbeitern freigestellt, zu welchem Thema sie ihre Doktorarbeit anfertigen möchten. Hier sieht Thomas Fritz einen neuen Trend: Hätten die Berater früher vor allem des Titels wegen und zu einem für die Beratung relevanten Thema promoviert, täten sie es heute in erster Linie, um sich persönlich weiterzubilden. Er selbst hat seine Auszeit genutzt, um zum Thema „Fußball und Strategie“ zu forschen, andere beschäftigten sich mit Entwicklungszusammenarbeit oder Zugfahrplänen. Viele Berater sähen die Verschnaufpause nicht nur als Karrieremotor. „Klasse, jetzt habe ich noch einmal die Möglichkeit, mir eine Auszeit zu nehmen und anderen Interessen zu folgen, denken viele“, stellt Fritz fest.

Aber auch die staatlichen Hochschulen stellen sich auf diese Entwicklung ein. Immer häufiger bieten sie kostenpflichtige, berufsbegleitende Masterstudiengänge an. Die Bandbreite reicht von Angewandter Ethik bis zu Bio-Konfliktmanagement. Auch an der LMU in München gibt es einen solchen Master. Wer sich aus der Masse der klassischen MBA-Absolventen abheben will, kann sich hier in „Philosophie, Politik, Wirtschaft“ weiterbilden. „Die meisten wollen ihr Entscheidungsvermögen und ihre Persönlichkeit weiterentwickeln“, beschreibt der Studienleiter Karsten Thiel die Zielgruppe des berufsbegleitende Angebots.

Viele Teilnehmer würde die saftigen Studiengebühren von mehr als 5000 Euro pro Semester selbst zahlen, manchmal übernähmen Firmen die Kosten auch. Die Beschreibung des Masters liest sich wie ein Eldorado für im Büroalltag intellektuell allzu einseitig geforderte Angehörige der Generation Y, wie auch die auf der Homepage des Studiengangs veröffentlichten Kommentare der Absolventen. Hier wird über Gerechtigkeitsentwürfe, geisteswissenschaftliche Perspektiven aufpolitisch-ökonomische Probleme und über Werte diskutiert. Das Konzept „Karriere plus Ethik“ scheint zu funktionieren. Über mangelnde Bewerberzahlen kann sich der Studiengang nach Angaben der LMU nicht beklagen. Nur weniger als die Hälfte der Bewerber erhalte einen Studienplatz. Möglich also, dass die „Generation der Sinnsuchenden und bildungshungrigen“ die MBA-Kultur eines Tages auf den Kopf stellen wird.

 

Original-Artikel:

www.faz.net/aktuell/

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